Sonntag, Februar 8, 2026

Ein Stück Geschichte: Die Telefonie in Wien

Die Einführung des Telefons in Wien blickt auf eine äußerst spannende und ereignisreiche Geschichte zurück. Wie sahen die ersten Telefonleitungen aus? Wie kommunizierten die Menschen miteinander? Und wie entwickelte sich das Kommunikationswesen in der Stadt weiter? Diesen und weiteren Fragen gehen wir auf viennafuture.eu genauer auf den Grund.

Der Beginn des Kabelbaus

Mehrere Erfinder spielten eine entscheidende Rolle bei der Einführung der Telefonie, nicht nur in Wien, sondern weltweit. Der deutsche Lehrer und Erfinder Philipp Reis präsentierte in Frankfurt am Main ein Gerät, das es Menschen ermöglichte, über eine kurze Distanz von wenigen Metern miteinander zu sprechen. Im Jahr 1876 erhielt Alexander Graham Bell das Patent für seine Erfindung – den „sprechenden Telegrafen“. Bereits 1881 begann in Wien die kommerzielle Nutzung der Telefontechnologie. Das kaiserlich-königliche Handelsministerium erteilte zwar Lizenzen für den Bau von Telefonleitungen an private Unternehmen, nahm aber selbst eine abwartende Haltung ein. Als das neue Kommunikationsmittel jedoch allmählich an Popularität gewann, setzte sich die Idee seiner Einführung auch auf staatlicher Ebene durch. Auf Initiative des Handelsministers begann der Bau der ersten Fernsprechlinie zwischen Wien und Brünn (Brno). Zuvor musste jedoch ein technisches Problem gelöst werden: Da die Telefonleitungen direkt entlang der bestehenden Telegrafenleitungen verlegt wurden, verursachten deren elektrische Impulse Überspannungen in den Telefonkabeln. Dies führte zu einer drastischen Verschlechterung der Gesprächsqualität, oft bis zur völligen Unverständlichkeit. Der belgische Wissenschaftler François van Rysselberghe löste dieses technische Dilemma bis 1882. Er ermöglichte sowohl Telegrafie als auch Telefonie über denselben Draht. So wurde die erste Fernleitung der k.k. Telegraphen-Centralstation realisiert. Im Sommer 1886 wurde der Bau der Telefonleitung abgeschlossen und die Qualität der Verbindung getestet. Die Tests fielen positiv aus, sodass die Linie Wien–Brünn am 1. August offiziell in Betrieb genommen werden konnte. Telefoniert wurde in Wien von der Station der k.k. Telegraphen-Centralstation am Börseplatz aus. Am 1. Januar 1895 ging das gesamte österreichische Telefonnetz in das Eigentum der staatlichen Verwaltung über. Den Betrieb des Telefonnetzes übernahm fortan die Österreichische Post- und Telegraphenverwaltung.

Die Telefonzentralen

Die Wiener Telefonzentrale, die mittels Vermittlerinnen (Operatorinnen) die Verbindung zwischen den Teilnehmern herstellte, war eine der ersten in Europa. Sie wurde am 1. Dezember 1881 mit 154 Teilnehmern in Betrieb genommen. Die Anrufe wurden von einer Telefonistin kontrolliert und entgegengenommen, deren Aufgabe es war, die metallenen Stecker, die sie am Gürtel trug, korrekt einzustecken. Wollte ein Teilnehmer ein Gespräch führen, musste er die Telefonistin verständigen. Zunächst geschah dies mithilfe einer Pfeife, die neben dem Telefonapparat hing. Die Teilnehmer pfiffen in den Hörer, und die Telefonistin schaltete sich auf die Leitung, sobald sie das akustische Signal vernahm. Bald darauf wurden die Telefone jedoch mit sogenannten handbetätigten Induktoren ausgestattet. Diese erzeugten eine Wechselspannung, die der Telefonistin optisch und akustisch signalisierte, dass ein Teilnehmer wünschte, auf seine Leitung geschaltet zu werden. Sobald der Anrufer ihre Stimme hörte, nannte er ihr den Namen des gewünschten Gesprächspartners. Nach Beendigung des Gesprächs musste der Handinduktor erneut betätigt werden. 1882 gab es in Wien bereits fast 1.000 Teilnehmer sowie einen öffentlichen Fernsprechapparat, der in den Räumlichkeiten der Wiener Börse aufgestellt wurde. Für dessen Nutzung wurde eine festgesetzte Gebühr erhoben.

Klare Regeln für alle

Die Durchführung von Telefongesprächen zwischen Wien und Brünn war recht interessant geregelt. Von April bis September konnte von 7:00 bis 21:00 Uhr telefoniert werden, von Oktober bis März von 8:00 bis 21:00 Uhr. Die Gesprächsteilnehmer wurden in zwei Kategorien unterteilt: Die erste war derjenige, der die Telefonverbindung bestellte – ein Vorgang, der damals als Vorregistrierung bezeichnet wurde. Die zweite Kategorie war der geladene Gesprächspartner. Die Gebühr entrichtete der Teilnehmer, der den Anruf bestellte; sein geladener Gesprächspartner telefonierte kostenlos. Die Gesprächsgebühr wurde bei der Bestellung im Voraus bezahlt und betrug 1 Gulden für ein Fünf-Minuten-Gespräch. Der Anmelder hatte das Recht, das Gespräch gegen eine zusätzliche Gebühr von 1 Gulden für jede weiteren 5 Minuten zu verlängern. Eine Verlängerung über 10 Minuten hinaus wurde nur genehmigt, wenn kein anderer Teilnehmer für ein Gespräch registriert war. Die Vorauszahlung wurde bei den Kassen der staatlichen Telegraphenämter in Wien und Brünn für den laufenden sowie den nächsten Tag entgegengenommen. Bei der Registrierung erhielten die Teilnehmer Karten, die sie vor dem Betreten der Telefonzelle abgeben mussten. Die Gesprächszeit begann in dem Moment, als die Telefonistin die Anwesenheit des geladenen Gesprächspartners feststellte. Kam das Gespräch nicht zustande – beispielsweise aufgrund technischer Störungen auf der Leitung –, erhielt der Anmelder sein Geld zurück.

Die Entwicklung der Fernverbindungen

Die Möglichkeit des Ferngesprächs gab es in Wien, wie erwähnt, von Beginn der Telefonie an. Bis etwa 1920 wurden Telefonleitungen jedoch ausschließlich überirdisch verlegt. Dies führte zu häufigen Unterbrechungen, verursacht durch starke Winde, Vereisung im Winter oder umgestürzte Bäume. Die naheliegende Lösung – die Verlegung der Kabel unter der Erde – war zunächst nicht machbar, da sie für lange Verbindungswege ungeeignet war. Die Dämpfung begrenzte die Signalübertragung auf etwa 50 km. Die unterirdische Verlegung wurde erst durch die Erfindung der Pupin-Spulen möglich, die in bestimmten Abständen in die Fernkabel eingefügt wurden, um deren elektrische Kapazität zu kompensieren. Dies reduzierte die Dämpfung und erhöhte die Reichweite auf bis zu 200 km. Noch größere Entfernungen konnten erst überwunden werden, als es möglich wurde, das abgeschwächte Audiosignal zu verstärken. Damit konnten alle Distanzen über zuverlässige und wirtschaftliche Fernleitungen überbrückt werden. Das erste unterirdische Fernkabel führte von Wien über St. Pölten und Linz nach Nürnberg. Es wurde 1916 verlegt, aber erst 1926 in Betrieb genommen. Dieses Kabel verfügte über 98 Adernpaare und war erstmals alle 75 km mit Verstärkern ausgestattet. Diese Verstärkereinrichtungen wurden in sogenannten Verstärkerämtern installiert. Dort wurden die Kabel verbunden, die Leitungen galvanisch entkoppelt und den Röhrenverstärkern zugeführt, wo das Signal verstärkt und dann erneut galvanisch entkoppelt und an den nächsten Verstärkerabschnitt weitergeleitet wurde. Bald folgten weitere Fernkabel.

Der Weg zur Automatisierung

Der manuelle Betrieb war umständlich. Die Einführung des automatischen Betriebs erfolgte in Wien zunächst in einer kleinen Versuchs-Centralstation. Diese wurde am 1. April 1905 in der Berggasse in Betrieb genommen und war für 200 Teilnehmer ausgelegt. Nachdem die Ergebnisse zufriedenstellend waren, wurde 1910 in Graz eine vollautomatische Zentrale für 2.000 Einzel- und 1.200 Geschäftsanschlüsse eröffnet. In diesem System wurde die Teilnehmernummer nicht über einen Wählschalter, sondern über einen Hebelmechanismus eingegeben, der in den Telefonapparat integriert war. Die Telefone für Wien besaßen sechsstellige Hebel. Mithilfe dieser Hebel wurde die Nummer am Gerät eingestellt, dann der Hörer abgenommen, die Ruftaste gedrückt und der seitlich angebrachte Handgriff gedreht. Allerdings hatte das Hebelsystem einen Nachteil: Die Nummernlänge war begrenzt und die Verbindung kam erst nach vollständiger Nummerneingabe zustande. Zudem waren die Apparate teuer und oft störungsanfällig. Aus diesem Grund wurden die Telefone ab 1928 mit dem Nummernschalter (Wählscheibe) ausgestattet.

Ein einheitliches Wahlsystem

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war lediglich der Ortsverkehr in den Großstädten automatisiert, d.h. auf Wählbetrieb umgestellt. Dabei kamen jedoch neun verschiedene Wahlsysteme zum Einsatz, darunter das „Wiener“, „Grazer“ und „Badener“ System sowie die Systeme 29, 34 und 40. Diese Zersplitterung war unwirtschaftlich und hinderlich. Daher wuchs der Bedarf an einem einheitlichen System. Am 8. April 1948 erließ die Zentral-Fernmeldeverwaltung Richtlinien für ein neues, landesweit einheitliches Wahlsystem 48. 1950 wurde in Eferding die erste Telefonzentrale nach dem neuen System in Betrieb genommen. Ab 1956 gab es eine modifizierte Version des Systems 48, bei der anstelle des Drehwählers ein motorisch angetriebener Wähler verwendet wurde, der sich mittels eines kleinen Motors auf alle verfügbaren 100 Schritte einstellen konnte. Dieses System erhielt den Namen W48M. Ende 1957 wurde die erste Versuchsstation mit dem System W48HK unter Verwendung von Koordinatenschaltern in Betrieb genommen. Dieses erwies sich in der Folge als so erfolgreich, dass es im großen Stil eingeführt wurde. Das 48er Wahlsystem war von 1950 bis 2000 in Gebrauch, bevor es von den beiden digitalen Systemen OES-D und OES-E abgelöst wurde.

Digitalisierung und Liberalisierung

Bereits Mitte der 1970er Jahre begann man, über die Nachfolgegeneration des W48-Systems nachzudenken. Unter Beteiligung österreichischer Lieferanten und der ÖPTV wurde 1978 die Österreichische Fernmeldetechnische Entwicklungs- und Förderungsgesellschaft mbH (ÖFEG) gegründet, deren Aufgabe es war, nach geeigneten neuen Systemen auf dem internationalen Markt Ausschau zu halten. 1981 fiel die Entscheidung, zwei Systeme für den österreichischen Markt zu adaptieren: das Nortel DMS100 und das EWS-D. Die Firmen Kapsch und Schrack schlossen sich zur AT-Austria Telekom zusammen und befassten sich mit der Weiterentwicklung des Nortel DMS100, während Siemens & Alcatel an der deutschen EWS-D arbeiteten. Letzteres wurde bald in Österreich angepasst. Die ursprünglich für 2008 geplante Umstellung auf OES in ganz Österreich musste aufgrund der von der EU vorgesehenen Liberalisierung des Telekommunikationswesens mit der Einbeziehung alternativer Netzbetreiber um einige Jahre verschoben werden. Ende 1996 war der landesweite Austausch auf der Fernnetzebene so weit fortgeschritten, dass die letzten analogen Geräte abgeschaltet werden konnten. In Wien wurden die letzten analogen Teilnehmer am 24. Dezember 1999 auf digitale Leitungen umgestellt. Der Umstieg auf das digitale Netz war somit pünktlich zu Weihnachten abgeschlossen. 1995 trat Österreich der EU bei, was die Liberalisierung des Telekommunikationsmarktes nach sich zog. Alternative Netzbetreiber konnten nun Direktanbindungen anbieten, zunächst mit festen Nummern. Ab dem Jahr 2000 traten eine Vielzahl von Telefonieanbietern in den österreichischen Markt ein und boten Telekommunikationsprodukte und -dienstleistungen an.

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