Sonntag, Februar 8, 2026

Die Geschichte der Reichsbrücke in Wien

Wien ist stolz auf seine vielen architektonischen Meisterwerke, unter denen die Reichsbrücke einen besonderen Platz einnimmt. Diese Brücke über die Donau ist nicht nur ein Ingenieurbauwerk, sondern auch ein lebendiger Zeuge der jahrhundertelangen Geschichte der Stadt, ihrer Triumphe, Tragödien und ihrer unaufhaltsamen Entwicklung. Die Geschichte der Reichsbrücke ist eine faszinierende Erzählung davon, wie eine Brücke, die ursprünglich eine bescheidene Überfahrt war, sich zu einer zentralen Verkehrsader und einem Symbol Wiens entwickelte, wobei sie zweimal eine vollständige Zerstörung und Wiedergeburt erlebte. Lesen Sie mehr auf viennafuture.eu.

Die Baugeschichte der Reichsbrücke

Die Geschichte einer der bedeutendsten Brücken Wiens, der legendären Reichsbrücke, beginnt mit einem kaiserlichen Erlass. Im September 1868 ordnete Kaiser Franz Joseph I. den Bau einer soliden Brücke über die Donau an. Dieses Bauwerk sollte nicht nur eine Überfahrt sein, sondern eine direkte Verlängerung der zentralen Verkehrsadern der Stadt – der Praterstraße (so benannt seit 1862) und der Schwimmschulstraße.

Die Dimension des Vorhabens wurde dadurch unterstrichen, dass die Brücke den Fluss in seinem neuen, begradigten Bett (im Zuge der großen Donauregulierung) überqueren und direkt auf die Reichsstraße führen sollte. Es ist erwähnenswert, dass die damaligen Straßen den Status von Reichsstraßen innehatten, was ihre strategische Bedeutung hervorhob.

Der Bau dieses ehrgeizigen Projekts, das zunächst den provisorischen Namen „Reichsstraßenbrücke“ trug, begann im August 1872. Die Leitung der Arbeiten übernahm Mathias Wanek, der die Abteilung für Straßen- und Wasserbau im Innenministerium leitete. Vier Jahre später, 1876, wurde das Bauwerk feierlich eröffnet. Die Brücke wurde zu Ehren des Thronfolgers „Kronprinz-Rudolf-Brücke“ benannt.

(Brückenkopf der Kronprinz-Rudolf-Brücke, um 1875)

Der in der Monarchie verliehene Name hatte jedoch keinen langen Bestand. Nach dem dramatischen Ende der Monarchie und der Ausrufung der Republik im November 1918 erhielt die Brücke bereits 1919 ihren heutigen, bekannten Namen – „Reichsbrücke“. So begann ein neues Kapitel in der Geschichte dieses Wiener Symbols, das die Epochen überdauert hat. Die Geschichte der Brücke inspirierte uns zur Erstellung einer Übersichtstabelle, die die wichtigsten Etappen im „Leben“ dieses Prachtbaus darstellt.

Die ersten Jahrzehnte der Reichsbrücke

Zum Zeitpunkt ihres Baus überquerte die Brücke noch das trockene Bett der zukünftigen, regulierten Donau, da sie vor der Errichtung der Stauwehre gebaut wurde. Dieses monumentale Bauwerk beeindruckte durch seine Ausmaße: Seine Gesamtlänge betrug 1019,7 Meter, die ursprüngliche Breite 11,4 Meter, mit einer Fahrbahn von 7,58 Metern. Die Brücke hatte vier Stromöffnungen mit einer lichten Weite von jeweils rund 80 Metern, was einen freien Schiffsverkehr gewährleistete. Die Baukosten waren hoch und beliefen sich auf 7,38 Millionen Kronen.

Besonderer Stolz der Ingenieure war die Anwendung einer für Wien bahnbrechenden Technologie: Die Fundamente der Brücke wurden erstmals mithilfe von Senkkästen, sogenannten Caissons, gelegt. Diese speziellen Kammern wurden unter Druckluft auf den tragfähigen Grund abgesenkt und erreichten eine Tiefe von bis zu 17 Metern unter der Wasserlinie. Dies gewährleistete eine außergewöhnliche Stabilität und Langlebigkeit der Konstruktion.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde die Brücke im November 1919 auf Beschluss des Stadtrats in Reichsbrücke umbenannt. In den folgenden Jahrzehnten leistete sie treue Dienste, doch das rapide zunehmende Verkehrsaufkommen deckte unweigerlich ihren größten Mangel auf: Die Brücke war für die neuen Gegebenheiten Wiens zu schmal geworden. Dies wurde zur ersten großen Herausforderung für die Reichsbrücke, die später zu weiteren Transformationen in ihrer turbulenten Geschichte führen sollte.

Das Schicksal der Brücke im 20. Jahrhundert

Von 1934 bis 1937 erlebte die Brücke eine umfassende Umgestaltung und wurde zu einer Kettenhängebrücke nach den Plänen der Ingenieure Siegfried Theiß und Hans Jaksch sowie mit der künstlerischen Gestaltung von Clemens Holzmeister. Die feierliche Eröffnung des erneuerten Bauwerks fand am 10. Oktober 1937 statt und unterstrich seine Bedeutung für die damalige ständestaatliche Diktatur.

Dieser ehrgeizige Umbau wurde bereits in der Zeit der Ersten Republik initiiert, mit dem Hauptziel, die Brücke an die steigenden Verkehrsanforderungen anzupassen. Der Wettbewerb für die Planung und den Bau wurde vom Bundesministerium für Handel und Verkehr im Februar/März 1933 ausgeschrieben. Die neue Kettenhängebrücke wurde direkt an der Stelle der alten Reichsbrücke errichtet. 

Dazu wurden die Pfeiler stromabwärts verlängert und das alte Tragwerk kunstvoll um 26 Meter verschoben. Dieser Ansatz ermöglichte den Bau der neuen Brücke auf derselben Trasse wie die alte, was sich als äußerst effizient erwies: Der Verkehr über die Donau musste nicht für längere Zeit vollständig eingestellt werden. Die erneuerte Brücke verfügte über zwei Fahrspuren für Autos, zwei Straßenbahngleise in jede Richtung und breite Gehsteige auf beiden Seiten. Die Brücke über das Überschwemmungsgebiet, die sogenannte Inundationsbrücke, wurde beibehalten und lediglich verbreitert. Das neue, majestätische Bauwerk wurde schnell zu einem der Wahrzeichen Wiens und erhielt in manchen Kontexten sogar den Beinamen „das schwarze Wien“.

Kriegsprüfungen und die sowjetische Periode

Nach der schrecklichen Schlacht um Wien im Jahr 1945 wurde die Reichsbrücke beschädigt, aber im Gegensatz zu den meisten anderen Donaubrücken wurde sie von den abziehenden deutschen Truppen nicht gesprengt. Diese Tatsache ist bis heute Gegenstand historischer Debatten. Als Zeichen der Dankbarkeit für die Befreiung Wiens trug die Brücke vom 11. April 1946 (Jahrestag der Einnahme der Stadt) bis zum 18. Juli 1956 den Namen „Brücke der Roten Armee“. Während dieser ganzen Zeit befand sie sich im sowjetischen Besatzungssektor der Stadt, bis zum Abzug der Truppen im Jahr 1955. Über Jahrzehnte hinweg war ihre beeindruckende Silhouette ein fester Bestandteil allegorischer Darstellungen Wiens.

(„Brücke der Roten Armee“, Postkarte aus dem Wien Museum, Zeit nach 1945)

Der unerwartete Einsturz der Brücke 

Am frühen Morgen des 1. August 1976 geschah das Unglaubliche: Die Reichsbrücke stürzte plötzlich ein. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich nur zwei Fahrzeuge auf der Brücke. Eines davon war ein städtischer Linienbus, dessen Wrack auf einem in den Strom gestürzten Brückenteil zum Liegen kam. Der Busfahrer überlebte wie durch ein Wunder mit nur leichten Verletzungen. Leider kam der Fahrer des zweiten Fahrzeugs, das sich auf der Brücke befand, beim Einsturz ums Leben. Als Ursache für die Tragödie wurde Materialermüdung genannt, die zum Versagen eines der Brückenpfeiler führte, was eine darauffolgende Kettenreaktion des Einsturzes auslöste. Dieser Kollaps war ein Schock für Wien und die Welt und hat dieses Datum für immer in die Geschichte der legendären Reichsbrücke eingeschrieben.

Nach dem anfänglichen Schock über den Einsturz der Reichsbrücke wurde umgehend eine gründliche Untersuchung eingeleitet, um die Ursache der Katastrophe zu klären. Es stellte sich ziemlich schnell heraus, dass einer der Stützpfeiler mangelhaft saniert worden war. Dies führte dazu, dass Wasser ständig durch den porösen Beton eindrang und dessen Struktur allmählich zersetzte. Somit war der Verlust der Stabilität nur eine Frage der Zeit, und die Tragödie wurde leider unvermeidlich.

Vom Einsturz zum Aufschwung: Die Wiedergeburt der Reichsbrücke

Wien machte sich schnell an die Wiederherstellung der lebenswichtigen Verkehrsader. Bereits am 16. Oktober 1976 wurde der Bau einer provisorischen Straßenbahnbrücke abgeschlossen, und am 21. Dezember 1976 folgte eine Behelfsbrücke für den Autoverkehr. Parallel dazu wurden bis Jänner 1977 alle Trümmer der eingestürzten Reichsbrücke aus dem Donaubett entfernt.

Der Bau einer völlig neuen Brücke lief auf Hochtouren, und bereits am 8. November 1980 wurde die neue Reichsbrücke feierlich für den Verkehr freigegeben. Dieses Ereignis war von besonderer Bedeutung, da das Projekt der neuen Brücke die Integration der U-Bahn-Linie U1 vorsah. Die U-Bahn-Gleise wurden im Untergeschoss des Bauwerks verlegt, und der Abschnitt der U1 vom Praterstern nach Kagran wurde am 3. September 1982 in Betrieb genommen. Interessanterweise wäre ein so schneller Ausbau der U-Bahn nach Einschätzung von Historikern ohne den Einsturz der alten Reichsbrücke wahrscheinlich nicht erfolgt.

(Fußgänger auf der neu eröffneten Reichsbrücke, 8. November 1980)

Sanierung und die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts

Im Laufe der Zeit muss jedes Infrastrukturbauwerk erneuert werden. Das Konzept für eine Generalsanierung der Reichsbrücke wurde 1998 entwickelt, und seine Umsetzung begann Ende Juni 2003 und wurde bis Ende 2005 erfolgreich abgeschlossen. Diese Arbeiten umfassten nicht nur die Erneuerung des Belags und der Abdichtung, sondern auch den Bau eines modernen Anprallschutzsystems mit geschützten Fluchtwegen, die Erneuerung der Fertigteile, die Neugestaltung des Mittelstreifens und die Anpassung der Verbindungen zu den Rampen, die zur Donauinsel führen. Dies ermöglichte die Einrichtung praktischer Bushaltestellen für Nachtbuslinien und die Modernisierung des Wegenetzes und der Stiegenanlagen.

Auch nach der umfassenden Sanierung war die Brücke mit einem unerwarteten Vorfall konfrontiert. Am 10. Juni 2004 kollidierte das deutsche Kreuzfahrtschiff „MS Viking Europe“ während eines riskanten Wendemanövers stromaufwärts der Brücke mit dem Mittelpfeiler der Reichsbrücke. Glücklicherweise verursachte die Kollision keine nennenswerten Schäden, was die Zuverlässigkeit der sanierten Konstruktion einmal mehr bestätigte.

Quellen: https://www.geschichtewiki.wien.gv.atmagazin.wienmuseum.at, www.ganz-wien.at, hdgoe.at

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