Sonntag, Februar 8, 2026

Wie sah Wien vor 100 Jahren aus?

Wien vor genau 100 Jahren – eine Stadt der starken Kontraste. Das reiche Erbe des Habsburgerreiches, die ersten Schritte der Moderne, die mächtigen sozialen Ambitionen des „Roten Wiens“… In diesem Beitrag auf der Website viennafuture.eu lesen Sie, wie die Hauptstadt Österreichs aus architektonischer Sicht in den 1920er Jahren aussah.

Politik und Verwaltung: Das „Rote Wien“ und neue Institutionen

Im November 1918 zerfiel die Monarchie Österreich-Ungarn. Wien wurde zum Herzen der neuen Republik. Nach dem Ersten Weltkrieg war die Stadt wirtschaftlich, sozial und moralisch zerstört. Doch bereits im März/April 1919 erlangte die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Österreichs (SPÖ) die Mehrheit im Wiener Gemeinderat. Dies markierte den Beginn einer Ära, die später als das „Rote Wien“ bekannt werden sollte.

Eine weitere wichtige administrative Änderung war die Schaffung und Entwicklung der Magistratsabteilungen. Im Jahr 1920 wurde die Magistratsabteilung 18 gegründet – zuständig für Stadtregulierung, Gartenwesen, Bauberatung und Stadtplanung.

Am 1. Januar 1922 wurde Wien offiziell ein eigenes Bundesland (Bundesland Wien). Das bedeutete, dass die Stadt ihre eigene legislative und finanzielle Autonomie sowie Steuerkompetenzen erhielt.

Karl Seitz war Bürgermeister nach Jakob Reumann. Reumann war der erste „rote“ Bürgermeister. Seitz setzte die Politik der sozialen Gerechtigkeit fort.

Im Jahr 1923 verabschiedete der Gemeinderat das erste Wohnbauprogramm – den Bau von 25.000 kommunalen/städtischen Wohnungen innerhalb von 5 Jahren. Diese Institutionalisierung bedeutete, dass Wohnungspolitik, Straßenplanung, Sanitärversorgung, Beleuchtung und Verkehr zu Prioritäten für die Wiener Verwaltung wurden. 

Sozialer Wohnbau: Gemeindebau und massenhafter Wohnungsbau

Im Jahr 1900 lebten in Wien über 2 Millionen Menschen. Schon damals hatten über 300.000 Einwohner keine angemessene Unterkunft. Viele Menschen lebten in Häusern mit schlechten Bedingungen. In den Wohnungen gab es nicht einmal fließendes Wasser oder sanitäre Einrichtungen.

Nach dem Ersten Weltkrieg verschärfte sich die Wohnungskrise erheblich. Dies geschah aufgrund der Bevölkerungsverschiebung aus den österreichischen Kronländern, der Inflation und der Zerstörung der Infrastruktur. Die erste große ländliche Wohnsiedlung (Siedlung) – Auf der Schmelz im XV. Bezirk – umfasste etwa 150 Siedlungshäuser mit Gärten und Parzellen zur Selbstversorgung. Dieses Projekt wurde 1919 abgeschlossen.

Der erste große Gemeindebau war der Metzleinstaler Hof im 5. Bezirk (Margareten). Er wurde 1925 mit 252 Wohnungen fertiggestellt. Der Architekt war Hubert Gessner. Dieser Wohnsektor verfügte bereits über einige Gemeinschaftseinrichtungen: eine Bibliothek, eine Wäscherei, einen Kindergarten. Hier gab es nicht nur Wohnungen, sondern die gesamte Infrastruktur für die Bewohner.

Ein weiteres bedeutendes Projekt war der Reumannhof mit 480 Wohnungen. Ebenfalls architektonisch symbolträchtig, mit öffentlichen Räumen. Sandleiten im 16. Bezirk ist ebenfalls ein Wohnkomplex mit 1.587 Wohnungen. Er wurde im Zeitraum 1924-1928 auf einer Fläche von fast 68.581 m² erbaut. 

Der Karl-Marx-Hof im Bezirk Döbling / Heiligenstädter Straße ist einer der ikonischsten „Superblocks“. Hier befinden sich 1.353 Wohnungen. Er wurde zwischen 1927 und 1930 erbaut.

Die Wohnungen wurden nach den Anforderungen „Licht, Luft, Sonne“ gebaut. Die maximale Bebauungsdichte überstieg oft nicht 50 % der Fläche. Jede Wohnung verfügte über eine separate Toilette und Wasserversorgung.

Bis Februar 1934 wurden für die Wiener Bevölkerung insgesamt 61.175 Wohnungen in 348 Wohnanlagen und 5.227 Wohnungen in 42 Reihenhaussiedlungen in Betrieb genommen.

Hochhäuser, Beschränkungen und Kompromisse

Die Höhe der Gebäude in Wien war seit Mitte des 19. Jahrhunderts durch Gesetz und Tradition begrenzt. Die Bauordnung für Wien (Bauordnung Wien) legte die maximal zulässige Höhe fest, abhängig von der Straßenbreite, der Lage (Zentrum oder Peripherie) und dem Zweck des Gebäudes.

Insbesondere wurde in der Bauordnung von 1859 festgelegt, dass die maximale Gebäudehöhe 24,7 Meter (13 Klafter) betrug, bei einer Mindeststraßenbreite von 15,2 Metern (8 Klafter). Dies erlaubte den Bau von fünfstöckigen Häusern in den zentralen Bezirken. In den Vorstädten oder locker bebauten Gebieten konnten die Beschränkungen strenger sein.

Bis in die 1930er Jahre wurde die Gesetzgebung überarbeitet, aber die strengen Höhenbeschränkungen in den zentralen Bereichen blieben bestehen. Der Bau des Hochhauses Herrengasse – eines der wenigen Hochhäuser dieser Zeit – illustriert einen Kompromiss. Dieses Gebäude entstand in den frühen 1930er Jahren und galt damals als hohes Gebäude innerhalb des historischen Zentrums.

In engen Straßen oder kleinen Gassen wurden die Beschränkungen so festgelegt, dass die Gebäudehöhe etwa das Doppelte der Straßenbreite nicht überschritt – um keine „Tunnel“ ohne Licht oder Luft zu schaffen. Dies war Teil der Bauordnung Wien und spezifischer Zonenregelungen.

Darüber hinaus erforderten die Vorschriften zu Licht und Luft oft große Abstände von den Fassaden, große Fenster und Innenhöfe zwischen den Häusern. Auch die Geschosshöhe war reglementiert. Die Räume im Dachgeschoss hatten eine geringere Deckenhöhe, und für das Dach wurden Mansardenelemente verwendet, um die Silhouette „abzumildern“. 

Architekturstile an der Schwelle zwischen Moderne und Tradition

Wien hatte vor 100 Jahren bereits einen starken Stilbruch erlebt. Zuvor dominierten Historismus und Eklektizismus – Fassaden mit dekorativem Ornament (Stuck), Balkone mit schmiedeeisernen Gittern, Erker, Stuckleisten… Doch ab Ende des 19. und besonders zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde die Bewegung der Wiener Secession (Jugendstil) sowie andere Avantgarden aktiv, die Funktion und Material über die Dekorativität stellten.

Zum Beispiel schuf Otto Wagner noch vor dem Ersten Weltkrieg ein Gebäude wie die Österreichische Postsparkasse. Ihre Fassade verkörpert die Verbindung von Funktionalität und neuen Materialien: weißer Marmor, große Fenster und Aluminiumbefestigungen. Das Bauwerk wurde im Zeitraum 1904-1912 errichtet. Im inneren Großen Kassensaal (Große Kassenhalle) gibt es ein gläsernes Gewölbedach (Glasgewölbe) und einen Boden mit Glaslinsen zur Beleuchtung des Untergeschosses.

Moderne und angewandte Kunst („Kunst am Bau“) in den Eingangshallen und Treppenhäusern (Stiegenhäuser) der Gründerzeithäuser nahmen ebenfalls ein neues Erscheinungsbild an: Sie kombinierten dekorative Elemente mit einfacheren Formen, mit größeren Panorama- oder Fassadenfenstern, Glas, Eisen und manchmal Beton.

In der frühen Moderne wurden oft Stein, Marmor, Keramikfliesen und Putz mit reichem Ornament verwendet. Aber bereits zu Beginn der 1920er Jahre verlagerte sich der Akzent auf Metallelemente, Eisen, Aluminium und Glas. Besonders in öffentlichen Gebäuden und Fassaden, wie zum Beispiel bei der Postsparkasse.

Straßen, Beleuchtung, Verkehr

In den 1920er Jahren erlebte Wien eine intensive Entwicklung der Straßeninfrastruktur, der elektrischen Beleuchtung, des Verkehrsnetzes und der öffentlichen Räume. Es gab klare Entwicklungsrichtungen, Budgets, Vorschriften und festgelegte Prioritätsstraßen.

1923 fasste der Wiener Gemeinderat den Beschluss, das gesamte Stadtgebiet mit elektrischer Beleuchtung auszustatten. Bereits Anfang 1923 wurden Beleuchtungstests in der Wollzeile und an einigen anderen Orten durchgeführt.

Ende der 1920er Jahre erreichte die beleuchtete Länge des Wiener Straßennetzes etwa 600 Kilometer. Die am besten beleuchteten Abschnitte waren die Ringstraße, die Kärntner Straße, die Mariahilfer Straße und die Praterstraße.

Die Beleuchtung verwendete Lampen mit einer Leistung von ~200 Watt und Standardspannungen von ~44 Volt. Die Laternen wurden an Drähten über den Straßen gespannt oder an Metallmasten montiert, die oft gebogen und dekorativ gestaltet waren.

In den 1920er Jahren nahm die Verwendung von Leuchtreklame zu. 1923 installierte das Café Payr am Getreidemarkt eine der ersten Neonreklamen in Wien. Bis 1932 gab es in der Stadt bereits über 7.000 leuchtende Werbeschilder oder Leuchtkästen.

Das System der Straßenbahnen, der Stadtbahn sowie des Überland- und Vorortverkehrs entwickelte sich aktiv. 1929 erreichte der Straßenbahnfuhrpark seinen Höchststand. Damals gab es etwa 1.754 Triebwagen und 2.201 Beiwagen. Sie beförderten jährlich rund 650 Millionen Fahrgäste.

Quellen:

Latest Posts

....... . Copyright © Partial use of materials is allowed in the presence of a hyperlink to us.