Sonntag, Februar 8, 2026

Antike Artefakte, die auf dem Gebiet Wiens gefunden wurden

Hinter den eleganten Fassaden Wiens, unter dem Pflaster des Stephansdoms, unter den Parks der Bezirke Landstraße und Innere Stadt, unter der modernen U-Bahn sind Artefakte verborgen, die das Verständnis der Geschichte dieser erstaunlichen Stadt verändern. Geheimnisse, die Tausende von Jahren unter der Erde lagen, kamen unerwartet ans Licht bei Bauarbeiten, privaten Renovierungen, archäologischen Ausgrabungen… Jedes Keramikfragment, jeder Knochen oder jede Münze ist ein Schlüssel zum Leben der alten Kelten, Römer und mittelalterlichen Bewohner. Was genau wurde gefunden? Wo? Und warum ist das gerade jetzt für Wien wichtig? Mehr dazu auf viennafuture.eu.

Neolithische Bauten und Keramik im Bezirk Landstraße

Bei Ausgrabungen 2014-2015 in der Rasumofskygasse (3. Bezirk, Landstraße) führten Archäologen eine großflächige Untersuchung auf einer Fläche von rund 4.000 m² durch. Unter dem Bodenniveau wurde eine Schicht umgelagerten Materials von etwa 60 cm Dicke entdeckt. Inmitten dieser Schicht befand sich eine Konzentration von Artefakten der Linearbandkeramischen Kultur. Archäologen identifizierten Pfostenlöcher, kleine Wandgräben und geradlinige Reihen. All dies deutet auf die Konstruktion eines länglichen Holzhauses hin.

Im nordöstlichen Sektor des untersuchten Gebiets, auf einer Fläche von rund 500 m²  befand sich eine reiche Schicht spätlatènezeitlichen (La Tène) Materials. Insbesondere wurden Reste der Perlenherstellung unter Verwendung von Harzen und anderen Substanzen entdeckt, die auf das Schmuckhandwerk hinweisen.

Zu den wertvollsten Funden gehörten Tonplatten mit kleinen Vertiefungen (Tüpfelplatten). Sie dienten als Matrizen zur Herstellung von Münzrohlingen oder Metallelementen. Diese Entdeckung ist eine der wenigen innerhalb Wiens, die die direkte Koexistenz der keltischen und römischen Kultur in einem archäologischen Horizont demonstriert. 

Neben der neolithischen und latènezeitlichen Schicht erfassten die Ausgrabungen auch mittelalterliche Spuren. Darunter unterirdische Gänge aus dem 13.-14. Jahrhundert, schmale Korridore, Bänke in den Wänden und Fragmente mittelalterlicher Keramik. Überraschend ist auch der Fund von importierten Gegenständen. Dazu gehören Amphoren aus dem Adriaraum, lateinische schwarze Keramik und Schreibgeräte.

Römisches Massengrab im Bezirk Simmering

Im Oktober 2024 stießen Arbeiter bei der Rekonstruktion des Sportplatzes Ostbahn-XI in der Hasenleitengasse (11. Bezirk, Simmering) auf zahlreiche menschliche Knochenüberreste. Dies führte zum sofortigen Beginn archäologischer Ausgrabungen.

Innerhalb eines rechteckigen Bereichs von etwa 5×4,5 Metern wurden mindestens 129 ganze Skelette entdeckt. Berücksichtigt man auch teilweise zerstörte Überreste, könnte die Zahl bis zu 150 Personen erreichen. Radiokarbonanalyse-Methoden und Stratigraphie deuten darauf hin, dass die Bestattungen etwa auf das Ende des 1. bis Anfang des 2. Jahrhunderts datiert werden. Interessant ist die Tatsache, dass zu dieser Zeit in diesem Gebiet normalerweise die Brandbestattung (Kremation) praktiziert wurde. Hier wurden jedoch primäre Skelettbestattungen ohne Anzeichen einer Verbrennung gefunden.

Die anthropologische Analyse zeigt, dass es sich bei den Bestatteten fast ausschließlich um Männer im Alter von etwa 20 bis 30 Jahren handelt. Sie alle wiesen Verletzungsspuren an den Schulterknochen, Rippen und Oberschenkeln auf. Dies deutet auf die Teilnahme an einem bewaffneten Konflikt oder einer Schlacht hin.

Unter den Begleitfunden befinden sich Trümmer von Militärausrüstung, nämlich Helmfragmente, Eisenklingen, Speerspitzen und Teile von Panzern oder Rüstungen. Eine Pressemitteilung der Stadtarchäologie besagt, dass diese Bestattung mit einem Gemetzel bei der Gründung von Vindobona – der römischen Festung in Wien – zusammenhängen könnte.

Zivilsiedlungen und Wohn-Handwerkskomplexe von Vindobona

Das Römische Reich hatte ein Militärlager und eine Siedlung darum herum namens Vindobona. An zahlreichen Stellen in Wien finden sich Überreste dieser Objekte, besonders in den Bezirken Innere Stadt, Landstraße und angrenzenden Gebieten.

Beispielsweise wurden bei Ausgrabungen in der Renngasse und den angrenzenden Straßen (1. Bezirk, Innere Stadt) Fundamente von Gebäuden, Werkstätten und Wirtschaftsgebäuden entdeckt. Sie waren vom Ende des 1. bis zum 5. Jahrhundert in Betrieb. 

Während der Vorbereitungen für die U-Bahn-Linie U5/U2 wurden an der Station Frankhplatz (nahe der Kreuzung U2/U5) Mauerreste, Keller und römische Keramik ausgegraben.

Im Bereich des Rennwegs, genauer gesagt in der Erdbergstraße, wurden Kanäle, Ofenreste, Keramikfragmente (sowohl lokaler als auch importierter Herstellung), Fibeln (Kleidungsverschlüsse) und geschmiedete Metallwerkzeuge gefunden.

Der Artikel von Rita Chinelli über „Vindobona Common Ware Production“ untersucht Keramikprodukte, Töpferwerkzeuge, verschiedene Formmodelle und Sand-Schleifsteine. Sie schreibt, dass all dies auf eine dichte lokale Keramikindustrie innerhalb der Zivilsiedlung Vindobona hinweist. In diesem Kontext sind jene antiken Artefakte nicht nur Handelswaren, sondern Spuren einer handwerklichen Infrastruktur, die parallel zum militärischen Teil funktionierte.

Mittelalterliche Befestigungen und Erdstall-Tunnel

Bei den Ausgrabungen in der Rasumofskygasse (3. Bezirk, Landstraße) wurden archäologische Spuren des Spätmittelalters entdeckt. Zum Beispiel ein unterirdisches Bauwerk mit mehreren schmalen Seitengängen oder Kammern. In den Wänden gibt es vorspringende Bänke und funktionale eingebaute Elemente. Dieser Tunnel wurde Erdstall genannt. Im Inneren wurde eine große Menge Keramik aus dem 13.-14. Jahrhundert gefunden.

Auf diesem Areal wird auch der spätmittelalterliche Verteidigungsgraben der Vorstadt Stubentor erfasst. Seine Spuren wurden im östlichen Teil der Ausgrabung gefunden. Es ist bekannt, dass hier zuvor das Zisterzienserinnenkloster St. Maria bestand, das während der osmanischen Belagerung 1529 zerstört wurde.

Die Archäologie Wiens demonstriert also nicht nur die keltische und römische Vergangenheit, sondern auch die mittelalterliche Urbanisierung mit ihren eigenen verborgenen Strukturen, die bis heute unter der Erde entdeckt werden.

Römisch-keltische Beziehungen, Importwaren, Metallurgie

Einige der interessantesten archäologischen Funde Wiens sind jene, die zwischen die keltische und die römische Periode datiert werden. In der Rasumofskygasse wurden Amphoren von der Adriaküste gefunden. Dies zeugt von Handel über weite Distanzen.

Im bereits erwähnten Artikel von Rita Chinelli wird erwähnt, dass bei Ausgrabungen am Rennweg 44 und angrenzenden Parzellen Hunderte Fragmente von Keramikproduktion und Werkzeuge (Gussformen, Einsätze, Polierwerkzeuge) entdeckt wurden. Dies beweist, dass die Bewohner der Zivilsiedlungen nicht nur fertige Produkte kauften, sondern Keramik auch lokal herstellten.

Darüber hinaus zeigen technologische Analysen (Petrographie, chemische Zusammensetzung der Tonmassen), dass der lokale Ton ohne zusätzliche Beimischungen verwendet wurde. Und das ist ein Zeichen für eine etablierte Handwerkspraxis.

Ein weiterer interessanter Fundtyp ist glänzende rötliche und weinrote Keramik aus Raetia. Diese Gegenstände wurden als Import nach Wien eingeführt. Dies zeigt, dass die Bewohner der Stadt und der Umgebung Zugang zu hochwertigen importierten Keramikwaren hatten, neben lokal hergestellten Produkten. Im selben kulturellen Horizont finden sich auch Artefakte keltischer Tradition – Schmuck, Rohlinge, Perlen – und römische feine Keramikwaren (Fineware, Sigillata).

Besonders bedeutsam waren die in der Rasumofskygasse gefundenen Platten. Sie wurden als Formen zum Schmelzen oder Gießen von Rohlingen für Münzen oder Metallprodukte verwendet. Dies demonstriert, dass hier eine frühe metallurgische Produktion existierte. Sehr wichtig sind auch die entdeckten Sattelelemente – geformte Verzierungen und Metallbeschläge. Sie deuten darauf hin, dass sogar das Reiten dekorative Elemente hatte. Darüber hinaus zeugen gefundenes emailliertes Glas und kleine Nieten von der Existenz eines weltlichen und religiösen Lebens.

Quellen:

Latest Posts

....... . Copyright © Partial use of materials is allowed in the presence of a hyperlink to us.