Heutzutage können sich die Menschen ihr Leben ohne Telefon kaum noch vorstellen, denn mit ihm kann man Anrufe tätigen, verschiedene Apps nutzen und Nachrichten austauschen. Bis ins 19. Jahrhundert hatten die Wiener keine Ahnung, was ein Telefon ist und wie man es benutzt, und erst Mitte des Jahrhunderts ereignete sich ein Wunder.
Ein entscheidendes Ereignis im Leben Wiens fand am 1. August 1886 statt, als in der Stadt dank der Linie Wien-Brünn offiziell das staatliche Telefonnetz in Betrieb genommen wurde. Um einen Anruf zu tätigen, musste man sich im Central-Telegraphenamt am Börseplatz anmelden. Bald wurde das Netz erweitert und Telefone in der ganzen Stadt installiert, berichtet viennafuture.eu.
Wie alles begann
Im Jahr 1861 demonstrierte der deutsche Erfinder Philipp Reis in Frankfurt am Main erstmals einen Apparat, den er entwickelt hatte, um seinen Schülern den Aufbau des menschlichen Ohrs zu veranschaulichen.
Mit diesem Apparat konnten zwei Personen über eine kurze Distanz von wenigen Metern problemlos miteinander kommunizieren. 15 Jahre später meldete Alexander Bell seine Erfindung, den „sprechenden Telegraphen“, zum Patent an. Im Jahr 1878 sorgten die Experimente des österreichischen Elektrotechnikers Franz Nissl bei den Professoren für Erstaunen. Er präsentierte seinen eigenen Telefonapparat an der Technischen Universität Wien.
Im Jahr 1881 erreichte die Telefonie eine Qualität, die ihre kommerzielle Nutzung ermöglichte. Das Handelsministerium erteilte privaten Unternehmen Konzessionen zur Errichtung von Telefonanlagen.
Staatliche Unterstützung

Als das neue Kommunikationsmittel allmählich immer beliebter wurde, entschloss sich auch der Staat, sich an seiner Entwicklung zu beteiligen. Auf Initiative des damaligen Handelsministers Friedenthal wurde der Ausbau der Linie Wien-Brünn vorangetrieben. Zunächst musste jedoch ein wichtiges Problem gelöst werden: Da die Telefonleitungen neben den Telegrafenleitungen verlegt wurden, verursachten deren elektrische Impulse eine starke Störspannung in den Telefondrähten, was die Verbindungsqualität beeinträchtigte.
Im Jahr 1882 gelang es dem belgischen Wissenschaftler Van Rysselberghe, dieses Problem auf technischer Ebene zu lösen. Er ermöglichte zudem die gleichzeitige telegrafische und telefonische Kommunikation über denselben Draht. Dank dieser Entdeckung wurde in Wien die erste staatliche Fernsprechleitung installiert.
Bereits 1886 wurde der Bau der Telefonleitung in Wien abgeschlossen. Anschließend wurde die Verbindungsqualität geprüft, die sich als gut erwies. So wurde die Linie Wien-Brünn am 1. August desselben Jahres offiziell in Betrieb genommen.
Wichtige Regeln

Es stellt sich die Frage, wie die ersten Anrufe zwischen Wien und Brünn eigentlich abliefen. Es war nicht einfach, denn es gab genaue Regeln. Von April bis September konnte man von 7:00 bis 9:00 Uhr morgens telefonieren, und von Oktober bis März von 8:00 bis 9:00 Uhr morgens.
Die Teilnehmer eines Telefongesprächs wurden in zwei Kategorien eingeteilt – den „Einladenden“ und den „Eingeladenen“. Der Erste musste das Telefongespräch anmelden, während der Zweite rechtzeitig den Hörer abheben musste. Die Gebühr wurde vom Einladenden, also dem angemeldeten Nutzer, eingehoben. Die Bezahlung musste vor dem Gespräch erfolgen; für ein 5-minütiges Gespräch zahlte man 1 Gulden. Wenn diese Zeit nicht ausreichte, konnte man das Gespräch durch Zuzahlung eines weiteren Guldens verlängern, aber nur unter der Bedingung, dass für diese Zeit kein Gespräch des nächsten Teilnehmers angesetzt war.
Im Jahr 1888 wurden in Wien die ersten öffentlichen Sprechstellen eingerichtet, die sich im Hauptpostamt am Fleischmarkt befanden. In dieser Zeit wurde eine weitere Fernsprechleitung geschaffen, an die Baden, Bad Vöslau, Wiener Neustadt, Mödling und andere angeschlossen wurden.
So entwickelte sich das Wiener Telefonnetz von Jahr zu Jahr weiter und wurde immer größer. Die Menschen nutzten es rege, da sie mit ihren Freunden und Verwandten in anderen Städten und sogar Ländern sprechen konnten.