Während die heutigen Wiener ganz selbstverständlich Computer nutzen, konnten die Österreicher im Jahr 1957 die technologischen Entwicklungen amerikanischer Ingenieure nur aus der Ferne beobachten. 1958, nach zwei Jahren mühevoller Arbeit, erhielt eine in Wien entwickelte Rechenmaschine den letzten Schliff. Der Wissenschaftler und Ingenieur Heinz Zemanek gab ihr schnell einen Namen: „Mailüfterl“, schreibt viennafuture.eu.
Kurz darauf gestand der Ingenieur, dass es sich um eine heimliche Bastelei gehandelt hatte, da er keine offiziellen Genehmigungen für die Entwicklung des Computers erhalten hatte und mit einer Gruppe von Studenten arbeitete. Zudem gab es weder von der Universität noch vom Staat irgendeine finanzielle Unterstützung.
Wer war Heinz Zemanek?

Heinz Zemanek wurde 1920 in Wien geboren. 1944 schloss er sein Ingenieurstudium an der Technischen Universität ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg diente er in einer Nachrichteneinheit und lehrte parallel an einer Aufklärungsschule in Thessaloniki. Später begann er mit Radarforschung bei der „Zentralversuchsstelle für Hochfrequenz-Forschung“.
Nach Kriegsende versuchte Heinz, eine Elektronikfirma zu gründen, was jedoch scheiterte, und so beschloss er, ins akademische Leben zurückzukehren. 1947 inskribierte Zemanek an der Technischen Universität Wien.
Von 1948 bis 1949 hielt sich Heinz an der Sorbonne auf und arbeitete an der École Nationale Supérieure des Télécommunications und im Forschungslabor der PTT. 1951 promovierte Heinz mit einer Arbeit zum Thema „Zeitteilverfahren in der Vielfachtelegraphie“. Er erhielt die Lehrbefugnis und wurde Assistent.
1961 wurde Zemanek zum ersten Leiter des Wiener IBM-Laboratoriums ernannt. In dieser Zeit spielte er eine entscheidende Rolle bei der Definition der Programmiersprache PL/I. 1971 wurde Heinz Präsident der International Federation for Information Processing.
Die Entwicklung des Computers

Genau wie der erste vollwertige Transistorrechner der Welt funktionierte das „Mailüfterl“ mit Transistoren, was seine hohe Leistungsfähigkeit sicherstellte. Das „Mailüfterl“ war deutlich kleiner als seine röhrenbestückten Pendants, benötigte wenig Energie, und daher war auch keine Kühlung notwendig. Die Arbeit erwies sich als schwierig, denn es war nicht einfach, die nötige Anzahl an Transistoren für den Bau eines guten Computers zu beschaffen.
Durch einen glücklichen Zufall erhielt das Entwicklerteam 3000 Transistoren von der Firma Philips. Obwohl diese Bauteile eigentlich für den Einsatz in Hörgeräten gedacht waren, eigneten sie sich perfekt für die elektronischen Schaltungen.
Als das Gehäuse des zukünftigen Computers fertig war, begann das Team mit der Entwicklung der Programmierung. Im Mai 1958 berechnete das „Mailüfterl“ eine Primzahl. 1959 wurde ein musiktheoretisches Programm des Komponisten Hanns Jelinek entwickelt. Nach 60 Stunden Rechenzeit lieferte das „Mailüfterl“ das Ergebnis.
Der Computer war gut programmierbar. Die Ingenieure nutzten ihn zur Durchführung einfacher mathematischer Berechnungen.
Da die Spezialisten nicht stundenlang untätig neben der rechnenden Maschine sitzen konnten, schlossen sie den Hauptakku des „Mailüfterl“ an ein Telefon an. So konnten sie von zu Hause anrufen und am Ton hören, ob das Programm noch lief.
Weltweite Anerkennung

In dieser Zeit konnten nur private Unternehmen mit entsprechenden Genehmigungen Computer entwickeln. Es ist daher nicht verwunderlich, dass die Firma IBM sehr schnell vom „Mailüfterl“ erfuhr. 1961 kaufte das Unternehmen den Computer „Mailüfterl“ und bot Zemanek an, Leiter des „Laboratory Vienna“ zu werden. Der Ingenieur und sein Team willigten ein, da sie erkannten, dass sie in Zukunft Großes erreichen konnten. Bald darauf zogen sie um.
Bei IBM wurde der „Mailüfterl“-Computer noch einige Jahre genutzt, bis er 1965 seinen Dienst einstellte. 1966 wurde er offiziell außer Betrieb genommen. 1973 wurde das Original in die Ausstellung des Technischen Museums Wien aufgenommen.
Die wissenschaftliche und historische Bedeutung des ersten Wiener Computers ist unbestreitbar, und selbst Google würdigte dieses Ereignis 2013 mit einem kurzen Dokumentarfilm.
Was Zemanek betrifft, so konzentrierte er sich in seiner Zeit am „Laboratory Vienna“ auf die Erforschung und Entwicklung von Programmiersprachen. In den 1970er Jahren erlangten die Arbeiten zur „Vienna Definition Language“ und zur „Vienna Development Method“ internationale Bedeutung.
1980 ging Zemanek formell in den Ruhestand. Seinen Forschergeist bewahrte er sich bis ins hohe Alter. Sein wissenschaftliches Werk umfasst 7 Bücher zum Thema Computertechnik.
Dank seines großen Beitrags zur Entwicklung der Informationstechnologie erhielt Zemanek zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. Er wurde Präsident und Gründer der Österreichischen Computer Gesellschaft, die seit 1985 den „Heinz-Zemanek-Preis“ verleiht.
2003 wurde der Ingenieur mit einer Auszeichnung der Erzdiözese Wien und dem „Kardinal-Innitzer-Preis“ geehrt.
Fast bis zu seinen letzten Lebenstagen hielt der Ingenieur und Computerpionier Vorlesungen und verfasste wissenschaftliche Artikel. Dank seiner Mentorschaft konnten zahlreiche Menschen wertvolles Wissen erwerben und zu professionellen Ingenieuren werden.
Im Jahr 2004 verstarb der große Professor Zemanek, doch seine einzigartigen Arbeiten werden von heutigen Ingenieuren weiterhin genutzt.