Wien ist eine Stadt, in der sich Geschichte und Moderne auf Schritt und Tritt verflechten. Der Hoher Markt ist nicht nur ein Platz im Herzen Wiens, sondern ein lebendiges Freilichtmuseum, in dem jeder Stein seine eigene Geschichte hat. Dieser einstige älteste Marktplatz der Stadt, dessen Ursprünge bis in die Römerzeit zurückreichen, war über die Jahrhunderte Zeuge wichtiger historischer Ereignisse, wirtschaftlicher Aufschwünge und kultureller Veränderungen. Sein architektonisches Ensemble, das Elemente aus verschiedenen Epochen – von mittelalterlichen Bauten bis zu eleganten Beispielen des Jugendstils – vereint, erzählt die faszinierende Entwicklungsgeschichte Wiens. Mehr dazu auf viennafuture.eu.
Ein Blick in die Geschichte
In der Antike, in der Nähe des heutigen Historischen Museums, befand sich auf dem Gebiet des römischen Lagers Vindobona das Praetorium – die Residenz des Festungskommandanten, in der sich auch Kaiser Marc Aurel längere Zeit aufhielt. Daran erinnert eine Gedenktafel mit einem Marmorrelief von Ferdinand Georg Waldmüller, das zwei Legionäre darstellt, im Durchgang des Hauses Nr. 4.
Im Mittelalter wurde dieses Gebiet als Hoher Markt bekannt – der älteste Markt Wiens, der 1208 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Ab 1233 trug der Markt offiziell den Namen „forum altum“. Seit 1282 gab es am Hohen Markt den städtischen Fischmarkt, und ab dem 14. und 15. Jahrhundert florierte hier der Handel mit Brot. Darüber hinaus wurden tierische Fette, Bienenwachs, Textilien und Schuhe verkauft. Ab dem 15. Jahrhundert ging der Handel mit Handwerkserzeugnissen allmählich zurück, da die Handwerker begannen, ihre Waren in ihren eigenen Werkstätten zu verkaufen.

Der Hohe Markt war das Zentrum des städtischen Lebens. Hier befanden sich das Gebäude des Stadtgerichts, Zunfthäuser und Verkaufsstände. Im 15. und 16. Jahrhundert galt das Viertel um den Hohen Markt und die angrenzenden Gassen als vornehmer Teil Wiens, in dem viele hochrangige Persönlichkeiten lebten. Ab 1706 standen hier ein Narrenhäusl und ein Pranger. Der heutige Vermählungsbrunnen (Josefsbrunnen) wurde in den Jahren 1729-1732 errichtet. Im Jahr 1753 wurde der Fischmarkt an das Donauufer verlegt, was die Bedeutung des Hohen Marktes als Handelszentrum schmälerte. Dennoch bestand der Markt bis 1939 weiter.
Im 19. Jahrhundert erfuhr der Hohe Markt eine umfassende Neugestaltung. Beim Abriss alter Gebäude wurden Reste der ältesten Stadtmauer entdeckt. Während der Luftangriffe im Jahr 1945 wurde der Markt schwer beschädigt und die meisten Gebäude zerstört.

Historische Gebäude und römische Ruinen am Hohen Markt
Der Hohe Markt ist von Gebäuden mit reicher Geschichte umgeben, die verschiedene Epochen der Stadtentwicklung widerspiegeln. Jedes von ihnen hat seine eigene einzigartige Geschichte, die mit wichtigen Ereignissen und Persönlichkeiten verbunden ist.
Das Haus mit der Nummer 1, bekannt als „Zum schwarzen Hund“, bewahrt das historische Hauszeichen des früheren Gebäudes. Das Haus Nummer 3 dient als Zugang zu den römischen Ruinen, die von der antiken Geschichte dieses Ortes zeugen. Das Haus Nummer 4, wo sich im 15. Jahrhundert Zunfthäuser befanden, wurde im 19. Jahrhundert zum Sitz der Ersten österreichischen Spar-Casse. Leider wurde das Gebäude während des Zweiten Weltkriegs zerstört, aber in den Jahren 1949/1950 wieder aufgebaut.
Das neoklassizistische Wohnhaus mit der Nummer 5, die ehemalige Schranne, diente als Sitz des Wiener Stadt- und Landesgerichts. Das Haus Nummer 6, 1884 an der Stelle von zehn kleineren Gebäuden errichtet, ist ein Beispiel für die Architektur des späten 19. Jahrhunderts. Das Haus Nummer 7, erbaut 1899/1900, ersetzte zwei ältere Häuser. Das ehemalige Sinapalais, bei den Nummern 8-9 gelegen, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, aber später wiederaufgebaut. Der Ankerhof, bei den Nummern 10-11 gelegen, trägt eine Gedenktafel, die an seine historische Bedeutung erinnert. Die Apotheke „Zum roten Krebsen“ im Haus Nummer 12 ist eine der ältesten Apotheken Wiens.
Eine besondere Sehenswürdigkeit am Hohen Markt sind die römischen Ruinen, die bei den Wiederaufbauarbeiten 1948 entdeckt wurden. Dank der Ausgrabungen von Alfred Neumann wurden die Überreste von zwei Offiziershäusern und einer schmalen Gasse, die sie trennte, freigelegt. Die Ruinen, die 1954 in ein Museum umgewandelt wurden, sind ein wertvolles historisches Artefakt, das von der römischen Vergangenheit Wiens erzählt.

Der Marktplatz als Hinrichtungsstätte
Über einen langen Zeitraum, von 1328 bis 1839, war der Hohe Markt nicht nur ein Handelsplatz, sondern auch ein Ort, an dem Recht gesprochen wurde. Genau hier, auf dem Gelände des heutigen Gebäudes mit der Nummer 5, stand einst die Schranne – ein mittelalterliches Gericht, das mit einer eigenen Kapelle „Zur Todesangst Christi“ ausgestattet war. Vom Balkon dieses Gebäudes wurden die Urteile verlesen, und auf dem Platz selbst fanden öffentliche Hinrichtungen statt. Am häufigsten wurden grausame Strafmethoden wie Enthauptung und Vierteilung angewendet. Zudem standen am Hohen Markt lange Zeit ein Galgen und ein Pranger, die an die Strenge der damaligen Justiz erinnerten.
An das Gebäude der Schranne grenzten Zunfthäuser, die den Tuchhändlern und Schustern gehörten. Im 16. und 17. Jahrhundert erhielten diese Gebäude jedoch eine weitere, düstere Funktion – sie wurden zum Ort der Inhaftierung und Bestrafung von Schuldnern. Somit war der Hohe Markt über Jahrhunderte nicht nur das Zentrum des städtischen Handels, sondern auch eine Bühne, auf der sich dramatische Szenen der Justiz abspielten, die die Härte und Grausamkeit der damaligen Gesellschaft widerspiegelten.

Architektonische Denkmäler am Hohen Markt
Im Herzen des Hohen Marktes befindet sich der Vermählungsbrunnen, auch als Josefsbrunnen bekannt. Dieses architektonische Meisterwerk, das der Vermählung von Josef und Maria gewidmet ist, wurde ursprünglich aus Holz nach Entwürfen von Johann Bernhard Fischer von Erlach errichtet. Ab 1729 wurde der Brunnen unter der Leitung von Joseph Emanuel Fischer von Erlach umgestaltet und erhielt sein heutiges Aussehen aus weißem Marmor und Erz. Interessanterweise befand sich an dieser Stelle früher ein Fischbrunnen, der bereits Mitte des 16. Jahrhunderts über eine eigene Wasserleitung verfügte, die Wasser aus dem Gebiet des heutigen Hernals lieferte.
Leider wurden während des Zweiten Weltkriegs die meisten historischen Gebäude, die den Hohen Markt umgaben, durch schwere Bombenangriffe zerstört. Prächtige Bauten wie die Palais Arnstein und Sina, die einst den Platz dominierten, gingen unwiederbringlich verloren. Obwohl einige Gebäude wiederhergestellt werden konnten, wurde beschlossen, die meisten Ruinen abzureißen, da der Nachkriegswiederaufbau mit funktionalen Bauten wirtschaftlich vorteilhafter und schneller war. Heute ist der Vermählungsbrunnen der letzte Zeuge der einstigen Größe und Schönheit des Hohen Marktes. Eine weitere besondere Sehenswürdigkeit des Platzes, die vom Krieg fast unberührt blieb, ist die berühmte Ankeruhr, die von Franz von Matsch im Jugendstil geschaffen wurde.

Vom Marktplatz zum Parkplatz
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Hohe Markt bereits ein belebter Ort, an dem das städtische Leben pulsierte. Fotografien aus den 1930er Jahren belegen, dass die Automobile allmählich den Raum des Platzes eroberten. Nach der Aufhebung des Fahrverbots im ersten Wiener Gemeindebezirk im Jahr 1908 durften Autos auch über den Hohen Markt fahren. Mit dem Wiederaufbau der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Beginn des wirtschaftlichen Aufschwungs veränderte sich das Stadtbild Wiens rasant. Die Verkehrsdichte nahm so stark zu, dass sie die Werte der Zwischenkriegszeit übertraf. Die Straßen waren überfüllt, der erste Bezirk litt unter Verkehrsstaus, und die historischen Plätze der Stadt verwandelten sich in Parkplätze.

Ende der 1950er Jahre hatte sich der Hohe Markt praktisch in einen riesigen Parkplatz verwandelt. Vom einstigen Markt, der über Jahrhunderte das Herz dieses Ortes gewesen war, war fast nichts mehr übrig.
Quellen: www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.wienschauen.at, planet-vienna.com, www.wien.gv.at