Das Wien der 1830er-Jahre war eine Übergangszeit, die den Beginn des sogenannten „langen 19. Jahrhunderts“ markierte, einer Epoche, die das architektonische Erscheinungsbild der Stadt tiefgreifend prägte. In dieser Zeit begann Wien allmählich, über seine mittelalterlichen Mauern hinauszuwachsen und sich auf das stürmische Wachstum vorzubereiten, das in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts einsetzen sollte. Die Architektur der 1830er-Jahre spiegelt diesen Übergang wider, indem sie Elemente des in den vorangegangenen Jahrzehnten dominierenden Klassizismus mit neuen, aufkommenden Tendenzen verbindet. Mehr dazu auf viennafuture.eu.
Voraussetzungen für die große Bautätigkeit in Wien
In den 1830er-Jahren stand Wien an der Schwelle zu rasanten Veränderungen, die seine weitere Entwicklung im gesamten 19. Jahrhundert bestimmen sollten. Dieses Jahrzehnt markierte den Beginn eines beispiellosen Bevölkerungswachstums, das durch die Massenmigration aus den böhmischen Ländern verursacht wurde. Menschen, vorwiegend Dienstboten, Lehrlinge und ungelernte Arbeiter, suchten in der Hauptstadt des Reiches ein besseres Leben. Die Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1848, die im „Staatsgrundgesetz“ von 1867 verankerte Freizügigkeit und die Entwicklung der Infrastruktur, insbesondere der Bau von Eisenbahnen, verstärkten diesen Trend noch weiter.
Das rasante Bevölkerungswachstum führte jedoch zu einem akuten Wohnungsmangel. Die Stadt war auf einen solchen Zustrom von Menschen nicht vorbereitet, was zu Überbevölkerung und einer Verschlechterung der Lebensbedingungen führte. Viele konnten sich keine eigene Wohnung leisten und waren gezwungen, in Notunterkünften zu übernachten oder sich Zimmer mit anderen Arbeitern zu teilen. Dies wurde zu einem der Hauptgründe für die massive Bautätigkeit, die in den folgenden Jahrzehnten in Wien einsetzte. Die Stadt benötigte Veränderungen im architektonischen Sektor, um den Bedürfnissen der Bevölkerung gerecht zu werden.

Der Historismus in der Architektur des 19. Jahrhunderts
Die Ringstraße, die zum Symbol des Wiens des 19. Jahrhunderts wurde, ist ein herausragendes Beispiel für den Architekturstil des Historismus der 30er-Jahre. Dieser damals vorherrschende Stil zeichnete sich durch die Idealisierung historischer Formen und deren Anpassung an die technischen und funktionalen Anforderungen der Zeit aus. Jedes Gebäude an der Ringstraße wurde so entworfen, dass es seinen Zweck bestmöglich widerspiegelt.
Das von Theophil von Hansen erbaute Parlament wurde im hellenistischen Stil gehalten, der die klassische griechische Demokratie symbolisierte. Das von Friedrich von Schmidt entworfene neugotische Rathaus verkörperte die bürgerliche Autonomie der flämischen Städte. Die von Heinrich von Ferstel erbaute Kirche ahmte die Pracht der französischen Gotik nach. Für die Universität wählte Ferstel die italienische Renaissance als Symbol des „goldenen Zeitalters“ der europäischen Wissenschaft und Kunst. Das Kaiserforum wiederum wurde zu einem Verweis auf die Foren der römischen Kaiser.
Der Historismus zeichnete sich auch durch die Idee des „Gesamtkunstwerks“ aus – der Synthese der Künste. Die Ringstraße als einheitliches architektonisches Ensemble und jedes einzelne Gebäude wurden als Kunstwerke betrachtet. Die Architekten widmeten selbst den kleinsten Details wie der Verzierung der Gebäude, der Bildhauerei und der Malerei große Aufmerksamkeit. Dies führte zu einer Blüte des Handwerks und dem Aufkommen der Kunstindustrie.

Der Eklektizismus in der Wiener Architektur der 30er-Jahre
Die Architektur Wiens in den 1830er-Jahren ist vom Einfluss des Klassizismus geprägt, der jedoch allmählich neuen Tendenzen weicht. Diese Periode wurde zu einer Zeit des Experimentierens mit klassischen Formen, was sich am Beispiel des Schaffens von Alois Pichl nachvollziehen lässt.
Pichls erster großer Auftrag, der Umbau des Palais Modena (1811-1814), zeigt seine Vorliebe für den italienischen Klassizismus. Sein Hauptwerk jedoch, das Niederösterreichische Landhaus in Wien (1832-1848), zeigt bereits eine Abkehr von der Strenge der klassischen Kanons. Die Verwendung kolossaler korinthischer Dreiviertelsäulen deutet auf den Einfluss des italienischen Manierismus hin, was für die damalige Zeit eine Neuerung darstellte. Dieser Trend könnte bereits im Schloss Kistapolcsány (1818-1825) seinen Ursprung haben, wo Pichl unkonventionell eine klassische Komposition mit einer Kuppel kombinierte, die von der Kirche San Simeone Piccolo in Venedig inspiriert war.
Gleichzeitig ist die Erste österreichische Spar-Casse (1835-1838) ein Beispiel für die Rückkehr zum reinen Neoklassizismus. Dieses Gebäude, frei von jeglichem Schmuck, besticht durch seine tektonische Reinheit und Massivität. Insgesamt zeichnet sich die Wiener Architektur der 1830er-Jahre durch eine eklektische Mischung aus klassischen Formen und neuen Tendenzen aus. Die Gebäude dieser Zeit spiegeln den Übergangscharakter der Epoche wider, in der alte Traditionen allmählich neuen Strömungen Platz machten.

Symmetrie und Funktionalität
Die Architektur jener Zeit ist durch eine Vielzahl von Bauten vertreten, von öffentlichen Gebäuden bis hin zu Wohnhäusern. Einer der bemerkenswerten Architekten dieser Zeit war Franz Lössl, dessen Schaffen den Übergangscharakter der Epoche widerspiegelte. Seine frühen Werke, wie der Konzertsaal für die Gesellschaft der Musikfreunde (1830 – 1831), zeigen eine Vorliebe für klassische Formen. Dieses streng symmetrische Gebäude mit drei Portalen und hohen Fenstern gilt als eines der herausragendsten Werke jener Zeit.
Auch die Wohnarchitektur Wiens erfuhr Veränderungen. Das Haus „Zur goldenen Kugel“ (1839), das Franz Lössl in Zusammenarbeit mit Högl errichtete, ist ein hervorragendes Beispiel für die späte Wohnhausarchitektur. Dieses Gebäude zeichnet sich durch seine Schlichtheit und Funktionalität aus, was für den damaligen Stil charakteristisch war.
Die Stadtplanung spielte ebenfalls eine wichtige Rolle bei der Entwicklung Wiens. Im Jahr 1842 wurde ein Projekt zur Erweiterung der Stadt vorgestellt, das als Vorläufer des Baus der Ringstraße angesehen werden kann. Dieses Projekt sah die Schaffung eines neuen Viertels mit einem Opernhaus, einer Börse und Wohnhäusern vor. Obwohl das Projekt nicht realisiert wurde, zeugt es vom Bestreben, einen modernen städtischen Raum zu schaffen.

Der Einfluss der Barockzeit auf die Architektur der 30er-Jahre
Zweifellos hat die Barockzeit eine leuchtende Spur im architektonischen Antlitz Wiens hinterlassen, und dieser Stil beeinflusste den Städtebau auch noch in den 1830er-Jahren. In dieser Zeit, als der Klassizismus noch seine Positionen hielt und neue Tendenzen erst aufkamen, blieb das Barock ein wichtiger Teil der architektonischen Landschaft Wiens.
Die prachtvollen Paläste, die in der Barockzeit errichtet wurden, prägten weiterhin das Stadtbild. Das Gartenpalais Schwarzenberg, das Winterpalais des Prinzen Eugen und das Palais Daun-Kinsky dienten mit ihren üppigen Fassaden und luxuriösen Innenräumen als Erinnerung an eine vergangene Epoche. Die im Barockstil erweiterte kaiserliche Hofburg blieb das Herz des Reiches.
Auch die Sakralarchitektur bewahrte den Einfluss des Barock. Die Karlskirche, ein Meisterwerk von Johann Bernhard Fischer von Erlach, beeindruckte mit ihrer majestätischen Fassade und dem erlesenen Interieur weiterhin durch ihre Schönheit. Die Peterskirche mit ihren farbenfrohen Fresken und Skulpturen demonstrierte das Streben des Barock nach einer harmonischen Verbindung verschiedener Kunstformen.

Die Architektur der 1830er-Jahre, von öffentlichen Bauten bis hin zu Wohnhäusern, zeigt den Übergangscharakter einer Epoche, in der alte Traditionen allmählich neuen Strömungen wichen. Die Architekten experimentierten mit klassischen Formen und fügten Elemente des Manierismus und der Funktionalität hinzu. Insgesamt legten die 1830er-Jahre den Grundstein für die weitere architektonische Entwicklung Wiens, schufen die Basis für die großflächige Bebauung der Ringstraße und die Gestaltung des modernen Stadtraums.
Quellen: reisewiki.at, www.habsburger.net, www.geschichtewiki.wien.gv.at, reisewiki.at, www.visitingvienna.com