Sonntag, Februar 8, 2026

Wien im 19. Jahrhundert: Architektur der Wohnhäuser

Das Wien des 19. Jahrhunderts ist eine Epoche, die nicht nur prachtvolle kaiserliche Bauten hinterlassen hat, sondern auch ein einzigartiges architektonisches Erbe in Form von Wohnhäusern. Diese sind nicht nur reine Wohnorte, sondern auch ein Spiegelbild der sozialen Veränderungen, kulturellen Strömungen und ästhetischen Vorlieben jener Zeit. Von den eleganten Palais der Aristokratie bis zu den behaglichen Häusern des städtischen Bürgertums erzählt die Wiener Architektur des 19. Jahrhunderts die faszinierende Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner. Weiter auf viennafuture.eu.

Architektonische und soziale Transformation Wiens im 19. Jahrhundert

Im 19. Jahrhundert erlebte Wien eine rasante Expansion, die seine heutigen Grenzen definierte. Bis zur Mitte des Jahrhunderts war die Stadt auf das Gebiet innerhalb der Stadtbefestigungen beschränkt. Im Jahr 1850 wurden jedoch 34 Vorstädte, die zwischen dem Glacis und dem Linienwall lagen, eingemeindet und in die Bezirke 2 bis 9 aufgeteilt. Diese Gebiete, zuvor überwiegend landwirtschaftlich genutzt, wurden rasch mit Industrieanlagen und Wohnhäusern bebaut. 1892 wurden auch die Vororte jenseits des Linienwalls eingemeindet, was zu einem noch stärkeren Bevölkerungswachstum führte. Diese stürmische Entwicklung brachte nicht nur eine Wohnungskrise mit sich, sondern auch eine Überfüllung der städtischen Friedhöfe, was den Stadtrat 1874 zur Gründung des Zentralfriedhofs veranlasste.

Die Altstadt mit ihren Regierungs- und Verwaltungsgebäuden blieb das wirtschaftliche und handelspolitische Zentrum Wiens. Hier eröffnete 1865 das erste Kaufhaus, das „Haashaus“. Im Stadtzentrum wohnten vor allem wohlhabende Bürger und hohe Beamte, für die luxuriöse Wohnungen in neoklassizistischen Zinshäusern errichtet wurden. Ab den 1860er-Jahren prägte die Ringstraße, erbaut anstelle der geschleiften Stadtmauern, das Stadtbild. Der von Kaiser Franz Joseph I. initiierte Bau der Ringstraße wurde zu einem Symbol des bürgerlichen Selbstbewusstseins, und reiche Stadtbewohner strebten danach, sich in den prestigeträchtigen Häusern am Ring niederzulassen. Gleichzeitig wurde die Arbeiterklasse an die Peripherie verdrängt, wo sich billige Unterkünfte und Arbeitersiedlungen befanden. Die Lebensbedingungen der meisten Arbeiter waren katastrophal; viele konnten sich keine eigene Wohnung leisten und lebten in Notunterkünften.

(Der Graben, Wien, 1900)

Wie der Bau der Ringstraße die Stadt veränderte

Im Dezember 1857 erließ Kaiser Franz Joseph I. den Befehl zur Schleifung der Stadtbefestigungen und zur Schaffung eines grandiosen Boulevards an ihrer Stelle – der Ringstraße. Bereits seit dem 18. Jahrhundert diente das Areal vor der Stadtmauer den Einheimischen als Erholungsgebiet. Nach der französischen Besatzung wurde jedoch offensichtlich, dass die alten Befestigungsanlagen ihre strategische Bedeutung verloren hatten.

Vor Baubeginn wurde ein Architekturwettbewerb ausgeschrieben, und die Finanzierung der städtischen Bauten wurde durch einen eigens geschaffenen Stadterweiterungsfonds sichergestellt. An der neuen Prachtstraße wurden luxuriöse (private) Wohnhäuser errichtet, die zum Symbol für Prestige und Wohlstand ihrer Eigentümer wurden. Wer die finanziellen Möglichkeiten hatte, strebte danach, sich an der neuen Prachtstraße niederzulassen. Gleichzeitig wurden die Mittelschicht und die Arbeiterschaft allmählich an den Stadtrand verdrängt.

Die Arbeiterklasse siedelte sich in den Vorstädten an, wo die Steuerlast geringer und der Wohnraum erschwinglicher war. Die meisten unqualifizierten Arbeiter lebten in engen, schlecht ausgestatteten Unterkünften und hatten oft nicht einmal ein eigenes Zimmer. Viele mieteten als sogenannte „Bettgeher“ nur für die Nacht ein Bett, während die Schlafstellen tagsüber für gewerbliche Zwecke genutzt wurden.

Baustandards und städtische Infrastruktur

Parallel zum Neubau wurden auch Bauvorschriften entwickelt, die auf mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Regelungen basierten. Sie legten die erlaubten Materialien, die Mindestbreite von Treppenläufen und die maximale Gebäudehöhe fest. Ab 1829 mussten alle Neubauten an die städtische Kanalisation angeschlossen sein, und ab 1849 überwachte das städtische Bauamt die Einhaltung der Vorschriften.

Eine ebenso wichtige Veränderung war die Vereinheitlichung des Adresssystems: 1862 wurden die bis heute gebräuchlichen Orientierungsnummern für Häuser eingeführt. Auch die Straßenschilder erhielten ein einheitliches Design. Schon früher, im Jahr 1826, begann die Stadt mit der großflächigen Pflasterung der Straßen mit Granit, was die Reinigung erheblich erleichterte. Anfangs wurde diese Arbeit von Lohnarbeitern verrichtet, doch gegen Ende des 19. Jahrhunderts übernahmen die städtische Verwaltung die Reinigung und Müllabfuhr.

Der Bau der Ringstraße und die Entwicklung der Innenstadt wurden zum Katalysator für weitreichende soziale und städtische Transformationen, die das zukünftige Erscheinungsbild Wiens prägten.

Jugendstil und Moderne in der Architektur

Jede Ecke Wiens bewahrt das Echo des künstlerischen Aufbruchs, der sich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ereignete. Der Wiener Jugendstil, auch Sezessionsstil genannt, fand seinen Ausdruck nicht nur in monumentalen Bauten, sondern auch in der Wohnarchitektur und verlieh der Stadt einen unverwechselbaren Stil.

Eines der herausragendsten Denkmäler dieser Zeit ist das 1898 von Joseph Maria Olbrich erbaute Secessionsgebäude. Dieses Bauwerk in der Nähe des Naschmarkts war der erste Ausstellungsraum in Mitteleuropa, der der modernen Kunst gewidmet war. Sein innovatives Design symbolisierte den Bruch mit den traditionellen architektonischen Konventionen und spiegelte den Geist des Fortschritts und des Experiments wider. Gustav Klimt, einer der Hauptvertreter der Sezession, schlug sogar zwei Gestaltungsvarianten für dieses Gebäude vor, das eine Alternative zum konservativen Künstlerhaus darstellte.

Doch der Einfluss der Moderne beschränkte sich nicht nur auf Kunsträume. Der Wiener Jugendstil drang tief in die Wohnarchitektur der Stadt ein und veränderte deren Funktionalität und Ästhetik. Herausragende Architekten dieser Zeit, insbesondere Otto Wagner und Josef Hoffmann, schufen Entwürfe, die das Gesicht der Hauptstadt prägten.

Otto Wagner, überzeugt davon, dass jede Epoche ihre eigene Kunst haben muss, setzte aktiv neue Ansätze im städtischen Wohnbau um. Sein Majolikahaus und das Musenhaus an der Wienzeile zeigen die charakteristischen Merkmale des Stils: fließende Linien, florale Ornamente sowie die Kombination von Glas, Metall und farbiger Keramik. Wagner entwarf auch die Postsparkasse – eines der ersten Beispiele funktionaler Architektur, das Eleganz und innovative Materialien vereint.

Ab Beginn des 20. Jahrhunderts waren Wohnhäuser nicht mehr nur Zentren des Schaffens – sie wurden zu wahren Kunstwerken. Die Architekten der Moderne strebten danach, nicht nur schöne, sondern auch bequeme und praktische Gebäude zu schaffen, wobei sie auf natürliche Beleuchtung, die Verwendung neuer Materialien und eine harmonische Dekoration achteten. Die Sezession in Wien wurde nicht nur zu einer Kunstrichtung – sie verwandelte die Stadt und hinterließ ein architektonisches Erbe, das bis heute fasziniert.

Die Mode der kleinen Balkone

Balkone wurden zu einem wesentlichen Merkmal der Wiener Architektur, insbesondere ab Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Stadt nach der Schleifung der alten Befestigungsanlagen und der Schaffung der Ringstraße einen regen Bauboom erlebte. Ihr Aufkommen war nicht nur ein architektonischer Trend, sondern auch ein Spiegelbild sozialer Veränderungen, denn der Balkon symbolisierte Prestige und Wohlstand des Besitzers.

In den Neubauten entlang der Ringstraße und den angrenzenden Straßen wurden Balkone zu dekorativen Elementen, die den Status der Bewohner unterstrichen. Je reicher der Balkon verziert war, desto höher war der soziale Rang seines Besitzers. Die Architekten verwendeten vielfältige stilistische Lösungen: schmiedeeiserne Geländer, dekorative Balustraden, Majolika-Mosaike und skulpturale Elemente, die den Gebäuden ein einzigartiges Aussehen verliehen.

Obwohl die Balkone an den Fassaden der Gebäude eindrucksvoll aussahen, wurden sie in der Praxis nicht sehr häufig genutzt. Sie waren eher ein ästhetisches Element als ein praktischer Raum zur Erholung. Oft blieben die Balkone leer oder dienten den Hausherren nur für kurze öffentliche Auftritte.

(Graben 16, erbaut 1909)

Mit der Zeit wurde der Balkon zum Symbol des urbanen Wiens, und seine Rolle in der städtischen Architektur nahm nur zu. Auch im 20. Jahrhundert, mit der Entwicklung von Funktionalismus und Moderne, wurden Balkone weiterhin verwendet, obwohl ihr Stil schlichter und praktischer wurde.

Die historischen Balkone Wiens bleiben nicht nur eine architektonische Zierde der Stadt, sondern auch ein Echo einer Epoche, in der Architektur nicht nur dem Wohnen, sondern auch dem Selbstausdruck, dem Prestige und der Vorstellung von einer idealen städtischen Umgebung diente.

Quellen: www.wienschauen.at, arc.onb.ac.at, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.wien.info

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