Montag, Februar 9, 2026

Die Geschichte der Apotheke und Pharmazie in Wien

Wien, als eines der kulturellen und wissenschaftlichen Zentren Europas, blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte der Entwicklung des Apothekenwesens und der Pharmazie zurück. Von den ersten mittelalterlichen Apotheken, die bereits im 13. Jahrhundert in der Stadt entstanden, bis zu den modernen wissenschaftlichen Errungenschaften in der pharmazeutischen Branche – diese Geschichte spiegelt den allgemeinen Fortschritt der Medizin und Chemie wider. Die Wiener Apotheken versorgten nicht nur die Einwohner der Stadt mit Arzneimitteln, sondern spielten auch eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Pharmakologie, der Qualitätskontrolle von Medikamenten und der medizinischen Ausbildung. Mehr dazu auf viennafuture.eu.

Wie waren die mittelalterlichen Apotheken in Österreich?

Die Apotheker des Mittelalters waren bestrebt, in ihren Werkstätten, die damals für die Kunden offen standen, eine Atmosphäre des Geheimnisvollen und Wunderbaren zu schaffen. Sie umgaben sich mit exotischen und dämonisch anmutenden Gegenständen: getrockneten Krokodilen, riesigen Schildkröten, Kugelfischen. In den Regalen standen Gläser mit Aufschriften, die magische Heilmittel versprachen: Mumienhände, Nashornhörner, Elchklauen, Straußeneier.

In Holz- und Tongefäßen wurden Essenzen aufbewahrt. Für die genaue Dosierung wurden Waagen verwendet und zum Zerkleinern der Rohstoffe Mörser aus Eisen oder Bronze. In jeder Apotheke gab es einen Arbeitstisch, an dem der Apotheker die Arzneimittel nach Rezepten zubereitete. Leider ist das wahre Aussehen der Apotheken aus dieser Zeit nur durch Gemälde und Zeichnungen überliefert.

Interessant! Damals waren Apotheken nicht nur Orte, an denen Medikamente verkauft wurden, sondern auch eine Art Kuriositätenkabinett, in dem man erstaunliche und geheimnisvolle Gegenstände sehen konnte.

Die Entstehung der ersten Apotheken in Wien

Mit dem Niedergang der antiken Kultur übernahmen aus Motiven der christlichen Nächstenliebe die religiösen Orden die Aufgaben der medizinischen Versorgung und der Bereitstellung von Arzneimitteln. In den Klöstern entstanden neben Krankenzimmern und Kräutergärten auch Räume zur Aufbewahrung von Arzneien – die Vorläufer der modernen Apotheken. In den Klöstern fand auch erstmals die Trennung zwischen dem Beruf des Arztes und des Apothekers statt, die im weltlichen Leben ab dem 12. Jahrhundert zur Norm wurde, als die Ausbildung von Ärzten an Hochschulen begann.

In Wien spielten die Orden, die sich der Krankenpflege widmeten, eine wichtige Rolle bei der Entwicklung des Apothekenwesens. Ab 1624 waren dies die Barmherzigen Brüder, die die Apotheke „Zum Granatapfel“ gründeten, ab 1715 der Klosterorden der Elisabethinen und ab 1741 die Ursulinen. Kostenlose Apotheken befanden sich auf dem Gelände von Klöstern und Spitälern, wie dem Bürgerspital, wo es anfangs nur Hausapotheken gab. Einige von ihnen erhielten später das Recht, auch die Öffentlichkeit zu versorgen.

(Österreichische Apothekerkammer)

Mit der Entwicklung der Stadt entstand der Bedarf an öffentlichen (städtischen) Apotheken. Obwohl genaue Daten über ihre Entstehung kaum verfügbar sind, tauchen Erwähnungen von Apothekern in Dokumenten des 14. Jahrhunderts und ab dem 15. Jahrhundert auch in den Grundbüchern auf. Die erste Erwähnung einer Apotheke in den Dokumenten der Medizinischen Fakultät der Universität Wien datiert aus dem Jahr 1404, und 1405 befasste sich die Stadtverwaltung mit dem Entwurf der ersten Apothekenordnung. Diese umfasste Aspekte wie die obligatorische Arzneimittelkontrolle, die Besteuerung von Medikamenten, berufliche Anforderungen an Apotheker und das Verbot der gleichzeitigen Ausübung des ärztlichen und pharmazeutischen Berufs ohne Genehmigung der Medizinischen Fakultät. Die nächste Apothekenordnung wurde 1465 erarbeitet.

(Homöopathische Reiseapotheke, 19. Jahrhundert)

Rechtliche Regulierung der Anzahl der Apotheken

Im Jahr 1564 erließ Kaiser Ferdinand I. in dem Bestreben, die Streitigkeiten im Apothekenwesen beizulegen, ein Dekret, das die Anzahl der Apotheken in Wien auf zehn beschränkte. Diese Apotheken konzentrierten sich im Bereich Graben – Rossmarkt – Stephansplatz – Rotenturmstraße, der im Volksmund als „Apothekerviertel“ bezeichnet wurde.

Anfang des 18. Jahrhunderts schlossen sich die Wiener Pharmazeuten zu einem Kollegium (Gremium pharmaceuticum) zusammen, dem jeder Vertreter dieses Berufs angehören musste. Das Gremium kontrollierte die Tätigkeit seiner Mitglieder, erließ Gesetze und Vorschriften und war für die Ausbildung der Apothekerlehrlinge zuständig. Im Jahr 1782 wurde das Gremium aufgrund von Vorwürfen der Lieferung verfälschter Medikamente an die Armee aufgelöst.

Danach konnte gemäß einem Erlass von 1782 jeder qualifizierte Pharmazeut nach Ablegung einer Prüfung vor der Medizinischen Fakultät eine Apotheke eröffnen. Dies führte zu einem erheblichen Anstieg der Apothekenzahl in den Vorstädten. In Wien entstanden elf neue Apotheken und in den Vorstädten dreizehn.

Im Laufe des 18. Jahrhunderts veränderte sich das Erscheinungsbild der Apotheken grundlegend. Unter dem Einfluss der Aufklärung und der wissenschaftlichen Entwicklung verschwanden die dekorativen Elemente aus den Apotheken und wurden durch schlichte und funktionale Glas- oder Porzellangefäße ersetzt. Anstelle von geheimnisvollen Kammern verwandelten sich die Apotheken in bequeme Verkaufsräume.

Ausbau des Apothekennetzes im 19. Jahrhundert

Anfang des 19. Jahrhunderts setzte sich die Entwicklung des Apothekenwesens fort. Im Jahr 1837 gab es in Wien 17 und in den Vorstädten 24 Apotheken, während es in ganz Niederösterreich 57 waren. Die ältesten Vorstadtapotheken wurden in Neulerchenfeld (1777), Unterdöbling (1817) und Hietzing (1822) eröffnet. Später entstanden Apotheken in Mödling (1798), Groß-Enzersdorf (1821), Himberg (1831) und Perchtoldsdorf (1834).

Nach dem Ersten Weltkrieg gab es in Wien bereits 208 öffentliche Apotheken und in Niederösterreich 131. Diese Zahl zeugt von einem erheblichen Wachstum der Apothekeneinrichtungen in der Stadt und der Region im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Bis zum Ende des 20. Jahrhunderts stieg die Zahl der Apotheken weiter an. Am 31. Dezember 1990 zählte man in Wien 256 öffentliche Apotheken und in Niederösterreich 163. Dies spiegelt die kontinuierliche Entwicklung des Apothekennetzes und seine wichtige Rolle im Gesundheitssystem wider.

(Apotheke der Barmherzigen Brüder „Zum Granatapfel“, Taborstraße 16, um 1933)

Die Tragödie der jüdischen Pharmazeuten in Wien

Der „Anschluss“ von 1938 war eine Katastrophe für die jüdischen Pharmazeuten Wiens. Das NS-Regime entzog ihnen das Recht auf Berufsausübung, indem es ihre Apotheken und Lizenzen konfiszierte. Bereits im Mai 1938 begann die „wilde Arisierung“, bei der Apotheken ohne jegliche rechtliche Grundlage weggenommen wurden. Um zu verhindern, dass die Besitzer ihre Apotheken selbst verkauften, setzten die Nationalsozialisten Edwin Renner als kommissarischen Verwalter der „nicht-arischen Apotheken“ ein. Er verteilte 84 Apotheken an „Illegale“ – Mitglieder der NSDAP, die diese zu Spottpreisen erhielten, die nur 10-15 % des Marktwertes betrugen. Bis 1939 wurde allen jüdischen Pharmazeuten die Berufsausübung entzogen.

Nach dem Krieg versuchten die Familien der geflüchteten Pharmazeuten, ihr konfisziertes Eigentum zurückzuerlangen. Dank der Rückstellungsgesetze wurden 55 Apotheken in Wien an ihre Besitzer oder deren Erben zurückgegeben. Dieser Prozess zog sich jedoch bis in die 1960er Jahre hin. Keine Entschädigung konnte das Leid wiedergutmachen, das die jüdischen Pharmazeuten und ihre Familien erlitten hatten. Diese Geschichte ist ein tragisches Zeugnis der NS-Verbrechen und eine Mahnung, wie wichtig der Kampf um Gerechtigkeit und das Gedenken an die Opfer des Holocaust ist.

(Apotheke „Maria Treu“, Josefstädter Straße 68, um 1930)

Die Geschichte der Apotheken in Wien ist ein untrennbarer Teil der allgemeinen Entwicklung von Medizin und Pharmazie in Europa. Von den Klosterspitälern bis zu den modernen Apothekenketten – jede Etappe dieses Weges war von einem Wandel in den Ansätzen zur Behandlung und zur Versorgung der Bevölkerung mit Arzneimitteln geprägt.

Die Alchemie, die Epoche der Aufklärung und die Entwicklung der industriellen Arzneimittelherstellung – jede dieser Perioden hat ihre Spuren im Apothekenwesen hinterlassen und das Erscheinungsbild der Apotheken, ihre Funktionen und ihr Dienstleistungsangebot verändert. Die alchemistischen Praktiken mit ihrem Schwerpunkt auf geheimnisvollen Substanzen und Umwandlungen beeinflussten die Gestaltung der frühen Apothekensortimente. Später trugen die Ideen der Aufklärung mit ihrem rationalen Wissensansatz zur Entwicklung der wissenschaftlichen Pharmazie bei.

Quellen: www.oeaz.at, www.geschichtewiki.wien.gv.at, www.apothekerkammer.at, magazin.wienmuseum.at 

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